Übersetzen. Lektorieren. Korrigieren. Repeat.

„Meine Wunschliste ist riesig und immer im Wandel.“ | Kimonobooks im Interview

Was wären wir ohne Buchblogger*innen? Wesentlich uninformierter, wenn es um Neuheiten auf dem Buchmarkt oder Empfehlungen geht. Gerade auf Instagram gibt es eine lebendige Community mit #bookstagram. Tina von kimonobooks ist eine dieser sehr aktiven Buchbloggerin. Regelmäßig veröffentlicht sie Rezensionen und empfiehlt neben Romanen auch wertvolle Sachbücher.

Von der privaten Website über einen Nagellackblog hin zur Buchbloggerin - was reizt dich an deinen Themen so, dass du seit 2012 schon dabei geblieben bist?

Das ist eine sehr gute Frage! Genau wie damals beim Nagellack bis hin jetzt zu meinen Büchern hatte ich in meinem direkten Umfeld eigentlich nie jemanden, der*die genauso begeistert ist wie ich – ich habe grundsätzlich also nach Austausch gesucht. Den gibt es mittlerweile ja glücklicherweise via Instagram. Einige Freund*innen habe die ich durch die Plattform gewonnen. Dranbleiben hat sich also gelohnt!

Tina von Kimonobooks
Unter dem Namen Kimonobooks stellt die Bloggerin Tina auf Instagram Bücher vor

Eines deiner Themen sind die Literaturen Ostasiens - gerade Japan und Korea kommen bei dir immer wieder vor. Wie bist du dazu gekommen?

Ich bin in meinen Teenager-Jahren durch eine typische Anime- und Manga-Phase gegangen, nach der das große Thema „Asien“ erstmal untergetaucht, aber nie verschwunden ist. Gelegentlich habe ich Filme aus der Region geschaut, bis dann irgendwann mehr und mehr Bücher japanischer, chinesischer und koreanischer Autor*innen dazugekommen sind und ich immer mehr in die Filmszene Ostasiens abgetaucht bin. Und damit kam dann auch der Wunsch, (zunächst) nach Japan zu reisen und damit das nicht allzu peinlich wird, am besten auch gleich die Sprache zu lernen.

Gibt es einen Roman aus Japan oder Korea, der sofort ins Deutsche übersetzt werden sollte?

Ganz soweit, dass ich Bücher in der Originalsprache lesen könnte, bin ich leider noch nicht, aber ich habe einen Geheimtipp, der letztes Jahr ins Englische übersetzt wurde: „People from my Neighbourhood“ von Hiromi Kawakami. Während ihre anderen Bücher meist Liebesgeschichten erzählen, sind das hier Mikro-Kurzgeschichten von oftmals nur zwei Seiten Umfang – und das so unglaublich kreativ und fantasievoll, dass ich es wirklich allen ans Herz legen kann. Offen für Verrücktes sollte man aber schon sein!

Auf Instagram gibt es ein paar tolle Buchclubs, in denen gemeinsam gelesen wird. Wir treffen uns ja immer mal wieder in der Diskussionsgruppe des Komorebi-Buchclubs, bei dem es um japanische Literatur geht. Hast du Tipps für andere Lesegruppen oder für Menschen, die gern einen Readalong veranstalten wollen?

Die einzige weitere Leserunde, an der ich einigermaßen regelmäßig teilnehme, ist der Femibuchcub von @bearnerdette, wo wir alle zwei Monate Sachbücher oder Essay-Bände rund um das Thema Feminismus (und alles, was noch dazu gehört) lesen. Ich muss gestehen, dass ich bei Leserunden nur voll dabei bin, wenn ich das Buch entweder ohnehin auf dem SUB habe oder es ganz dringend lesen möchte. 

Wie wichtig ist es dir, dir Leseziele für ein Jahr zu setzen und wie trackst du sie? Oder ist das nicht auch ein Teil unserer Konsumkultur, in der wir uns alle optimieren wollen und zeigen, was wir erreichen?

Ich persönlich setze mir sehr gerne Leseziele (Goodreads Reading Challenge) – aber nicht, weil ich fix soundsoviele Bücher pro Jahr lesen möchte, sondern einfach um übers Jahr zu schauen, was und wie viel ich lese und ob sich unterjährig etwas in meinem Leseverhalten verändert. Ich kann aber auch die Menschen verstehen, die sagen, dass sie ihr gelesenen Bücher überhaupt nicht tracken, weil es um die Erfahrung des Lesens an sich gehen sollte und nicht um eine bestimmte Zahl. Da stimme ich auch voll zu – auch, wenn ich das tracke, sage ich nicht: „Diesen Monat waren es nur x! Das ist aber wenig!“ Und bin auch nicht enttäuscht (oder zufrieden), wenn ich mein Leseziel erreiche bzw. eben nicht.

Aber ja, ich würde schon sagen, dass auch das Tracken von gelesenen Büchern irgendwie zu unserer Optimierungskultur zählt. Wie viele Artikel ich schon zum Thema „So viele Bücher lesen erfolgreiche Menschen“ gelesen habe! Das ist immer auch ein wenig schade, denn diese Fixierung auf die Anzahl ist ja gar nicht wichtig – Qualität und die Freude an der Lektüre zählen da doch so viel mehr. Und auch die Konsumkultur spielt da mit rein, denn wir werden allein auf Instagram täglich mit so vielen Büchern und Lesetipps bombardiert, auf ganz vielen Profilen wird zeitgleich der nächste Bestseller besprochen – da entsteht dann schon ein wenig FOMO und der Druck, sich das Buch ganz schnell besorgen zu müssen, um mitreden zu können …

Du bist mit dem Vorsatz, weniger kaufen zu wollen, ins Jahr 2022 gestartet. Wie läuft es da bisher und was hat dich zu deinem Vorhaben gebracht?

Tatsächlich ist der gute Konsum regelmäßig Gesprächsthema von mir und der lieben Silke (@bearnerdette) und durch diesen Fokus bin ich dann mehr oder wenig zufällig auf Nunu Kallers neues Buch „Kauf mich!“ gestoßen, in dem sie die Tricks  der Textilindustrie bis zum Supermarkt um die Ecke unter die Lupe nimmt – und wie Konsumenten dann damit umgehen. Im Januar habe ich dann noch ihr früheres Buch „Ich kauf nix!“ gelesen und das hat dann endgültig meinen Beschluss besiegelt, dieses Jahr weniger, bewusster und auch nachhaltiger einzukaufen. Und bisher läuft es auch ganz gut, was ich ehrlich gesagt nicht gedacht hätte! Noch im Dezember gehörten Impulskäufe für mich einfach dazu. Dadurch, dass ich jetzt sämtliche Newsletter von Shops abbestellt habe (so simpel es klingt) und aktuell auch weniger Zeit auf Instagram verbringe, bin ich weniger Werbung ausgesetzt – und was ich nicht sehe, das kann ich auch nicht haben wollen! Für alles, was ich aber trotz Vorsichtsmaßnahmen sehe und ich „sofort haben muss“, habe ich jetzt eine Liste, wo ich diese Wünsche einfach aufschreibe. Ein paar Tage liegen lassen, noch mal drauf schauen und voilá: In den meisten Fällen war es dann doch nicht so überlebenswichtig und ich kann es wieder streichen. Alles, was darauf stehen bleibt, kann ich irgendwann an die Weihnachtswichtel weitergeben. 🙂

Allerdings bezieht sich dein Vorsatz auch auf Bücher - was ist ein notwendiges Buch und was nicht? Oder sind Bücher eine große Ausnahme? (Bei mir ist es so, dass Bücherkauf immer zulässig ist. Mein SuB ist aber auch nicht sehr groß.)

Da mein SUB bei knapp 240 Büchern liegt, muss ich da wirklich auf die Handbremse treten, weshalb mein Konsum-Vorsatz auch für Bücher greift. Idealerweise wird nichts neu gekauft, sondern bei Tauschticket ertauscht oder maximal bei Medimops gebraucht gekauft. Rezensionsxemplare sind natürlich auch irgendwie ausgeschlossen. Also bin ich nicht komplett außen vor, was neue Bücher betrifft – ich bin nur öfter gezwungen, mich mit meinem SUB zu beschäftigen. Eine klitzekleine Ausnahme würde ich für mich aber bei Sachbüchern sehen, hier gibt es ja einen Bildungsauftrag – so konnte ich mir gegenüber im Januar bspw. drei gebraucht über Medimops erstandene Bücher rechtfertigen.

Wie groß ist deine derzeitige Buch-Wunschliste und welche 2 Bücher stehen ganz oben?

Meine Wunschliste für Bücher ist riesig und auch stets im Wandel – aktuell stehen aber eher welche ganz oben, die noch gar nicht erschienen sind: Auf „Rot (Hunger)“ von Senthuran Varatharajah und „Die Welt vor den Fenstern“ von Tatjana von der Beek freue ich mich gerade aber am allermeisten.

Mit mehr als 1.000 Followern und guten Zugriffszahlen auf deinem Blog bist du bereits eine etablierte Bloggerin. Kommen die Verlage inzwischen auf dich zu? Und welchen Druck macht Social Media gerade Buchblogger*innen?

Gelegentlich gibt es tatsächlich die ein oder andere Anfrage von Verlagen, aber das hält sich alles in Grenzen. Was aktuell auch ganz gut ist. Denn auch wenn natürlich nicht jede Anfrage was für mich ist – gerade würden mir einfach die Zeit und Muße dazu fehlen, groß bei Kooperationen oder Ähnlichem mitzumachen. Aber der Druck ist schon da, das auf jeden Fall. Und wenn dann eine Mail reinflattert für die nächste große Neuerscheinung, dann juckt es natürlich schon in den Fingern, diese pünktlich zum Erscheinungstermin zu besprechen.

Das Thema Rezensionsexemplare generell ist ja unglaublich mit Druck beladen – Druck, das Buch schnell auszulesen, um es dann auch möglichst zeitnah zu besprechen, um noch relevant zu sein. Ich kenne auch Schuldgefühle, wenn man ein Buch Monate vor dem Erscheinungstermin angefragt hat und dann bis Erscheinen dann die Leselust nicht aufkommen will. Oder wenn ein Rezensionsexemplar mir überhaupt nicht gefällt und ich es am liebsten abbrechen möchte, aber mir selbst den Druck mache, es auch „richtig“ zu besprechen … Du siehst, hier könnte ich endlos weitermachen. Druck ist ein nicht gerade kleines Thema für mich als Bloggerin. 

Druck macht sicher auch die Gestaltung des Feeds. Dein Feed macht einen sehr kuratierten EIndruck, Farben, Motive und Zusammenstellung sind aus einem Guss. Dahinter steckt sicher eine ganze Menge Arbeit. Neben den Büchern und deiner Katze Gobi gibt es auch ein paar Bilder von dir. Der Algorithmus bevorzugt Gesichter. Erzeugt auch das einen Druck, sich selbst möglichst „optimiert“ zu präsentieren?

Der Feed-Gestaltung widme ich ehrlich gesagt gar nicht so super viel Aufmerksamkeit – ich habe in der Vergangenheit schon mal versucht, ein bestimmtes Muster reinzubekommen oder auch einen super einheitlichen Stil, aber das hab ich nie lange durchgehalten. Viel zu oft hat man eben gerade kein Katzenbild parat oder erinnert sich siedend heiß an den einen Post, der schon seit Monaten geposted werden will – dann aber natürlich nicht in den einheitlichen Feed passt. Daher habe ich diesbezüglich kapituliert – freue mich aber trotzdem, dass du einen roten Faden erkennen kannst!

Bezüglich den Selfies: Da kann ich den Algorithmus gut verstehen (ausnahmsweise mal), denn ich sehe auch gerne, wer hinter einem Account steckt und dass nicht „nur“ Bücher gezeigt werden. Da muss ich mich aber selbst an die Nase fassen, denn ich verstecke mich da gerne und bin bestimmt nicht das beste Beispiel. Aber wenn es dann mal ein Foto mit mir selbst darauf wird, dann natürlich nicht unbedingt eines, das ich lieber aussortieren möchte. Da ich aber „Beautifying“-Filtern und generell auch Schönheitsidealen kritisch gegenüberstehe, zeige ich mich so, wie ich eben bin, und bearbeite da auch nichts nach – wir werden alle ohnehin schon viel zu stark mit totoptimierten Bildern bombardiert, da mag ich mich nicht einreihen. Trotzdem gilt es immer im Hinterkopf zu behalten: Unsere Feeds sind nur unsere „Highlight Reels“ (weiß leider nicht mehr, woher ich den Begriff habe): Auch, wenn nicht nachbearbeitet wird, nehmen wir doch meist das vorteilhafteste Bild. 

Empfohlene Bücher

Immer öfter höre ich, dass Buchblogger*innen mit Instagram nicht mehr glücklich sind. Oft sehen wir die gleichen Bücher bei vielen Accounts und auch auf externe Websites klickt angeblich niemand mehr. Teilst du dieses Gefühl?

Auf jeden Fall! Die Übersättigung kenne ich auch – wie erst ganz kürzlich beim neuen Buch von Hanya Yanagihara. Für die Verlage ist es natürlich schön, wenn ein Kanal von einem ihrer Bücher zum Release geflutet wird – wenn man auf der anderen Seite steht, mag man an diesen Tagen eher weniger in den eigenen Feed schauen. Wenn so etwas absehbar ist, versuche ich, mit ein wenig Verzögerung zu posten. Auch das Gefühl, dass niemand mehr auf externe Seiten klickt, teile ich! Zwar wird es uns mit dem Link-Sticker leichter gemacht, jedoch merke ich selbst, dass ich kaum noch Blogs besuche, und merke das andersherum an meinen Zugriffszahlen auf meinem eigenen Blog. Der Fokus scheint sich hier deutlich auf snackable content verlegt zu haben.

Steht der snackable content nicht aber eigentlich unserer intensiven Auseinandersetzung mit Büchern im Weg?

Ja, auf jeden Fall! Wenn ich nur kleine Häppchen an Rezensionen und Kommentaren zu Büchern konsumiere, leidet darunter die tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Gelesenen und auch die Diskussion mit anderen Menschen. Das ist ein wenig schade, aber in unserer schnelllebigen Zeit wohl nicht anders zu erwarten. Achtsamer mit Medien umzugehen und sich auch gerne Zeit nehmen, ausführlichere Besprechungen zu Büchern zu lesen, die mein Leseerlebnis auch erweitern können, steht auch ganz oben auf meiner Agenda.

Auf welche Bücher freust du dich noch in diesem Jahr?

Meine Liste ist wie jedes Jahr nach Sichtung der neuen Verlagsvorschauen lang, auf einige Schätzchen freue ich mich aber ganz besonders, etwa das neue Buch von Amélie Nothomb, „Automaton“ von Berit Glanz und auch diversen Autor*innen aus dem asiatischen Raum – diese Vorschauliste hatte ich vor einer Weile auch auf meinem Profil geteilt.

Hier findet ihr Tina Wagner von Kimonobooks:

Kimonobooks – Blog

@kimonobooks auf Intagram

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